Städte und Kommunen übernehmen in internationalen Krisen zunehmend Aufgaben, die über die klassische Partnerschaftsarbeit hinausgehen. Forschende aus Frankfurt (Oder) und Poznań analysieren, wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die Zusammenarbeit deutscher, polnischer und ukrainischer Städte verändert – und welche Folgen dies für Außenpolitik, gesellschaftlichen Zusammenhalt und europäische Integration hat.
Frankfurt (Oder) / Poznań, 2026 – Welche Rolle spielen Städte und Kommunen heute in den internationalen Beziehungen? Dieser Frage widmet sich das zweijährige Forschungsprojekt „Paradiplomacy: Soft power in heavy shelling. New dynamics of German, Polish and Ukrainian towns paradiplomacy in Wartime Europe“. Das Vorhaben wird von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań umgesetzt und von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung gefördert. Die Projektleitung liegt bei Dr. Susann Worschech von der Europa-Universität Viadrina.
Außenpolitik unterhalb der staatlichen Ebene
Paradiplomatie bezeichnet diplomatische Aktivitäten unterhalb der staatlichen Ebene. Während die klassische Außenpolitik weiterhin vor allem in der Zuständigkeit nationaler Regierungen liegt, treten Städte, Kommunen und lokale zivilgesellschaftliche Organisationen zunehmend selbst als internationale Akteure auf.
Städtepartnerschaften beschränken sich dabei längst nicht mehr auf Chortreffen, Benefizaktionen oder Jugendaustausche. Kommunen organisieren humanitäre Hilfe, bauen grenzüberschreitende Netzwerke auf, unterstützen ihre Partnerstädte und beziehen zu internationalen Konflikten Stellung.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat diese Entwicklung erheblich verstärkt. Viele deutsche Städte haben ihre Zusammenarbeit mit Partnerkommunen in Polen und der Ukraine intensiviert, Hilfslieferungen organisiert und sich öffentlich gegen die russische Aggression ausgesprochen. Polnische Städte haben ihre internationalen Beziehungen neu ausgerichtet und ukrainische Kommunen umfassend unterstützt.
Ukrainische Städte stehen wiederum vor der Aufgabe, Verteidigung, Wiederaufbau und kommunale Daseinsvorsorge miteinander zu verbinden. Internationale Partnerschaften helfen ihnen dabei, Unterstützung zu mobilisieren und ihre Interessen gegenüber europäischen Partnern sichtbar zu machen.
Wie verändert der Krieg die Zusammenarbeit?
Das Forschungsteam untersucht, wie sich die Wahrnehmung Osteuropas seit der russischen Vollinvasion verändert hat und welche Auswirkungen der Krieg auf die Zusammenarbeit lokaler Akteure hat. Im Mittelpunkt steht auch die Frage, wie kommunale Aktivitäten und staatliche Außenpolitik zusammenwirken.
Besonderes Augenmerk gilt den neuen Funktionen von Städtepartnerschaften. In der Ukraine werden kommunale Netzwerke verstärkt genutzt, um internationale Unterstützung zu gewinnen und damit auch zu nationalen politischen Zielen beizutragen. Nach Einschätzung des Forschungsteams ist dieser gezielte Einsatz von Partnerschaften in Deutschland und Polen bislang weniger ausgeprägt.
Gleichzeitig können intensivere kommunale Beziehungen neue Spannungen hervorrufen. Das gilt insbesondere dann, wenn lokale Initiativen und nationale außenpolitische Strategien unterschiedliche Ziele verfolgen oder wenn die beteiligten Partner verschiedene Erwartungen an die Zusammenarbeit haben.
Rund 400 Städtepartnerschaften im Blick
In einem ersten Schritt dokumentiert das Projektteam bestehende Partnerschaften und Netzwerke zwischen Städten in Deutschland, Polen und der Ukraine. Zwischen deutschen und ukrainischen Kommunen bestehen knapp 250 Städtepartnerschaften. Rund 200 Kooperationen zwischen größeren Städten werden in die Untersuchung einbezogen.
Insbesondere seit der russischen Vollinvasion wurden zahlreiche deutsch-ukrainische Städtepartnerschaften neu gegründet oder wiederbelebt. Aufgrund der großen Zahl deutsch-polnischer Partnerschaften konzentriert sich das Forschungsteam auch hier auf etwa 200 Kooperationen.
Erfasst werden nicht nur Städte und kommunale Verwaltungen, sondern auch zivilgesellschaftliche Organisationen und ihre Verbindungen untereinander. Parallel analysieren die Forschenden offizielle Vorgaben, politische Dokumente und institutionelle Strukturen, die Ziele und Rahmenbedingungen der kommunalen Zusammenarbeit bestimmen.
Diskurse, gesellschaftlicher Zusammenhalt und politische Folgen
Das Projekt greift mehrere bislang unzureichend untersuchte Fragen der Forschung zu Paradiplomatie und Städtepartnerschaften auf. Bisher wurden kommunale Beziehungen häufig vor allem unter den Gesichtspunkten der europäischen Verständigung und Versöhnung betrachtet. Weniger bekannt ist, wie sich ihre Narrative, Handlungsformen und Wirkungen verändern, wenn Krieg und die Bedrohung europäischer Gesellschaften in den Vordergrund treten.
Untersucht wird außerdem, ob der russische Angriffskrieg die Wahrnehmung westlicher Unterstützung für osteuropäische Partner verändert hat und welche Bedeutung friedensfördernde Ansätze unter diesen Bedingungen weiterhin besitzen.
Darüber hinaus analysiert das Team die Verbindungen zwischen kommunalen und staatlichen außenpolitischen Aktivitäten. Ziel ist es, die beteiligten Akteure und Netzwerke zu kartieren, die politischen und institutionellen Voraussetzungen der Paradiplomatie zu untersuchen und Veränderungen ihrer Diskurse und Praktiken seit 2022 nachzuzeichnen.
Auch die gesellschaftlichen Folgen stehen im Fokus. Dazu gehören Veränderungen des sozialen Kapitals, neue Handlungsformen zwischen lokaler und globaler Ebene sowie mögliche gesellschaftliche Spannungen und Spaltungen.
Deutsch-polnische Forschung aus der Oder-Region
Zum Projektteam der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań gehören Prof. UAM Dr. habil. Tomasz Brańka, Prof. UAM Dr. habil. Jarosław Jańczak und Dr. Igor Ksenicz. An der Europa-Universität Viadrina sind Dr. Susann Worschech, Mona Richter und Maria Vtorushyna beteiligt. Vom 2. März bis zum 31. August 2026 unterstützen zudem Dr. Hanna Smaliichuk und Małgorzata Kocierz das Projekt als Research Fellows.
Das Vorhaben wird seit Anfang 2026 für zwei Jahre von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung gefördert. Es wurde als eines von drei Projekten im Rahmen des Programms „‚Epochenwende‘? Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und seine Auswirkungen auf Polen und Deutschland“ ausgewählt. Mehr als 30 deutsch-polnische Forschungsprojekte hatten sich um die Förderung beworben.
Mit seinem Fokus auf kommunale Netzwerke, Städtepartnerschaften und grenzüberschreitende Zusammenarbeit untersucht das Projekt zentrale Fragen für die weitere Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine. Zugleich verbindet es zwei Hochschulstandorte der Oder-Region und schafft neue wissenschaftliche Perspektiven auf die Rolle von Städten im Europa der Gegenwart.
Mehr zum Projekt:
https://www.kiu.europa-uni.de/en/research/externally-funded-projects/paradiplomacy/index.html