Polen als Wachstumsmarkt: Wie sich die Nachbarschaft wirtschaftlich auszahlt

Rund neun Milliarden Euro: So viel haben polnische Abnehmer im Juli an deutschen Waren gekauft, etwa die Hälfte mehr als China. Aktuelle Wirtschaftsdaten, die der SPIEGEL ausgewertet hat, zeigen: Während wichtige Absatzmärkte schwächeln, wird die Nachfrage aus Polen und anderen östlichen Nachbarn zu einer tragenden Säule der deutschen Exportwirtschaft. Was steckt dahinter, und was bedeutet das für die Zusammenarbeit in der Oderregion?

Exportplus dank der östlichen Nachbarn

Für deutsche Exporteure ist 2026 ein Jahr unter Druck: Die Lieferungen nach China sind seit Januar drastisch eingebrochen, und auch aus den USA kommen Belastungen. Dennoch lagen die deutschen Ausfuhren im Juli um 5,4 Prozent über dem Januarwert. Geholfen hat eine unerwartet hohe Nachfrage aus den USA, aber auch die Nachbarländer im Osten. Im Vergleich der beiden Monate stiegen die Exporte nach Polen um 9 Prozent, nach Tschechien um 13,9 Prozent und nach Ungarn um 6,7 Prozent. Seit der Coronakrise sind die Ausfuhren nach Polen um rund 60 Prozent gewachsen, deutlich mehr, als im selben Zeitraum bei den Lieferungen nach China weggefallen ist.

Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr führt das Wachstum im zweiten Quartal ausdrücklich auf die Exportentwicklung zurück, während Konsum und Investitionen im Inland schleppend bleiben. Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beschreibt die Nachfrage aus dem Osten als Puffer, der einen Teil der Verluste in den USA und in China abfedert.

Warum Polen mehr kauft – und was

Polens Wirtschaft wächst seit Jahren verlässlich: 2025 legte das Bruttoinlandsprodukt um 3,6 Prozent zu. Seit dem EU-Beitritt hat sich die Wirtschaftskraft des Landes verdreifacht, das Pro-Kopf-Einkommen sogar vervierfacht. Holger Görg vom Kiel Institut spricht von einem langfristigen Trend, für den Polen stellvertretend für weitere Länder der Region steht.

Dieser Wohlstand zeigt sich im Handel. Der Wert deutscher Konsumgüterexporte nach Polen ist seit 2010 von 6,8 auf zuletzt 24,3 Milliarden Euro gestiegen. Schon 2024 war Polen der viertwichtigste Abnehmer deutscher Waren und verdrängte damit China. Gefragt sind aber nicht nur Autos und Haushaltsgeräte. Laut Oliver Rakau von Oxford Economics legen auch die Ausfuhren von Investitionsgütern zu, vor allem von Industriemaschinen. Polnische Unternehmen erobern zudem Nischen auf dem Weltmarkt, und Osteuropa hat seinen Anteil am Welthandel erhöht, anders als Deutschland. Davon profitieren deutsche Werkzeug- und Maschinenbauer, die Betriebe in Polen und Tschechien ausstatten.

Bemerkenswert ist das auch mit Blick zurück: Als 2004 acht ost- und mitteleuropäische Staaten der EU beitraten, begrüßten nur 28 Prozent der Bundesbürger die Erweiterung, in keinem anderen EU-Land war die Zustimmung niedriger. Heute gilt sie als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, im Beitrag als Gewinn für alle Seiten beschrieben: wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und menschlich.

Kein Selbstläufer: Verlagerung und neue Konkurrenz

Naheliegend ist die Frage, ob Deutschland dadurch zum Zulieferer Osteuropas wird, schließlich haben deutsche Unternehmen dort über Jahrzehnte Werke aufgebaut. Rakau hält diese These nicht für schlüssig. Der Anteil von Vorleistungsgütern an den deutschen Exporten nach Osteuropa liegt heute deutlich niedriger als vor zehn Jahren, und die Struktur der Ausfuhren unterscheidet sich kaum von der nach Frankreich. Den jüngsten leichten Anstieg erklärt er damit, dass die deutsche Chemieindustrie vorübergehend Marktanteile zurückgewonnen hat, weil internationale Konkurrenz wegen der Krise im Nahen Osten nicht liefern konnte.

Entwarnung für Industriearbeitsplätze bedeutet das nicht. Rakau beobachtet, dass deutsche Firmen Fertigung ins Ausland verlagern: Mercedes baut vermehrt in Ungarn, VW will den neuen ID.Polo in Spanien produzieren. Für ein Hochlohnland sei das nicht ungewöhnlich. Zugleich habe Deutschland weiterhin die Chance, sich auf Hightechprodukte wie die der optischen Industrie zu spezialisieren.

Hinzu kommt neue Konkurrenz im Nachbarland selbst: 35 Jahre lang war Deutschland der wichtigste Lieferant Polens. Zuletzt hat China diesen Platz in der polnischen Importstatistik übernommen, während Deutschland weniger Fahrzeuge nach Polen lieferte. Der Exporterfolg ist damit keine Garantie für die Zukunft.

Was das für die Oderregion bedeutet

Die Zahlen aus dem SPIEGEL-Beitrag beziehen sich auf die nationale Ebene. Sie werfen aber eine Frage auf, die für die Partnerregionen der Oder-Partnerschaft naheliegt: Wie lässt sich die wachsende wirtschaftliche Verflechtung in konkrete Zusammenarbeit übersetzen, zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Kommunen?

Die Oder-Partnerschaft verbindet Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen mit den Woiwodschaften Wielkopolskie, Zachodniopomorskie, Dolnośląskie und Lubuskie. Aktuelle Themen, Termine und Projekte aus der Region macht sie über Website, Newsletter und Social-Media-Kanäle sichtbar. Wer ein deutsch-polnisches Wirtschaftsprojekt, eine Kooperation oder eine Veranstaltung kennt oder selbst umsetzt, ist eingeladen, Hinweise an die Redaktion zu senden.

Weiterlesen: Benjamin Bidder, Michael Brächer, Florian Diekmann, Alexander Trempler: „Starker Osthandel – Wie Polen die deutsche Wirtschaft rettet“, DER SPIEGEL, 28.09.2026 (mit Grafiken): https://www.spiegel.de/wirtschaft/export-wie-polen-deutschlands-wirtschaft-rettet-a-07c5bce8-dec6-4a58-abf1-eea4d89c4632