Polen wird in Deutschland zunehmend anders wahrgenommen. Die Schriftstellerin Magdalena Parys beschreibt in einem aktuellen Essay, wie sich das Bild des Landes verändert hat: von einem lange unterschätzten Nachbarn hin zu einem Staat, der vielerorts mit neuer Infrastruktur, dynamischen Städten und wachsendem Selbstbewusstsein auffällt. Gleichzeitig richtet sie den Blick auf Deutschland und fragt, warum der Wandel Polens hierzulande noch immer so häufig überrascht.
Parys, die 1984 als Jugendliche nach Berlin kam, erinnert sich an einen völlig anderen Ausgangspunkt: Damals erschien Deutschland modern und wohlhabend, Polen dagegen arm und grau. Heute beobachtet sie einen deutlichen Perspektivwechsel. Internationale Medien, Reisende und Influencer berichten zunehmend positiv über polnische Städte, Infrastruktur und Lebensqualität. Gerade für Deutsche, deren Polenbild teilweise noch von älteren Vorstellungen geprägt sei, könne der erste Besuch deshalb überraschend ausfallen.
Dabei geht es der Autorin nicht darum, Polen und Deutschland wirtschaftlich einfach die Rollen tauschen zu lassen. Vielmehr beschreibt sie einen Unterschied in der Dynamik: Während in Deutschland häufig über Investitionsstau, Sanierungsbedarf und wirtschaftliche Unsicherheit gesprochen wird, entsteht in Polen vielerorts der Eindruck eines Landes, das weiter aufholt und sichtbar investiert.
Von unsichtbarer Infrastruktur zu sichtbarer Lebensqualität
Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung liegt für Parys in den Investitionen der vergangenen Jahrzehnte. Zunächst floss viel Geld in grundlegende Infrastruktur wie Kanalisation, Straßen und Umgehungsstrecken. Heute sind die Veränderungen stärker im Alltag sichtbar: modernisierte Bahnhöfe, Brücken und öffentliche Gebäude, neugestaltete Uferbereiche, Grünanlagen, öffentlicher Nahverkehr sowie neue Angebote in Hotellerie und Gastronomie.
EU-Fördermittel spielten dabei eine wichtige Rolle. Parys betont jedoch, dass Geld allein die Entwicklung nicht erkläre. Polen habe bereits in den Jahren vor dem EU-Beitritt Erfahrungen mit Marktwirtschaft, kommunaler Selbstverwaltung und eigenständigem wirtschaftlichem Handeln gesammelt. Dadurch trafen die späteren europäischen Investitionen auf bereits gewachsene Strukturen und auf eine Gesellschaft mit starkem Aufholwillen.
Ein neues Bild der deutsch-polnischen Nachbarschaft
Der Essay beschreibt damit auch einen Wandel im Verhältnis zwischen beiden Ländern. Polen wird für viele Deutsche zunehmend als attraktives Reise- und Wirtschaftsland sichtbar. Gleichzeitig zeige die Überraschung über diese Entwicklung, wie hartnäckig ältere Vorstellungen über das Nachbarland teilweise noch seien.
Parys warnt zugleich vor zu einfachen Vergleichen wie „Polen ist das neue Deutschland“. Für sie liegt der entscheidende Unterschied weniger in einer Rangfolge zwischen beiden Ländern als in der wahrgenommenen Bewegung: Polen habe in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, Veränderungen aktiv zu gestalten. Gerade dieser Eindruck könne erklären, warum das Land derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält.
Weiterlesen:
WELT, 24. August 2026:
„Das ist ein Schock“ – Wenn ein Deutscher zum ersten Mal nach Polen fährt
https://www.welt.de/politik/ausland/plus6a7dc641169e8e32c0ae6e24/erfolgreiches-nachbarland-das-ist-ein-schock-wenn-ein-deutscher-zum-ersten-mal-nach-polen-faehrt.html
Originalbeitrag von Magdalena Parys in Gazeta Wyborcza, 7. August 2026:
https://wyborcza.pl/magazyn/7,124059,32946692,w-niemczech-obywatele-odnotowuja-powolna-codzienna-erozje-panstwa.html