Nach dem Präsidentenveto gegen den geplanten Nationalpark Doliny Dolnej Odry im November 2025 sucht Polen nach alternativen Wegen zum Schutz des einzigartigen Międzyodrze. Auf kommunaler Ebene zeichnen sich erste Erfolge ab – und auf deutscher Seite feiert der Nationalpark Unteres Odertal sein 30-jähriges Bestehen.
Oder-Region, Frühjahr 2026 – Die Oder als Naturraum steht seit Jahren im Mittelpunkt grenzüberschreitender Bemühungen um Schutz und Renaturierung. Jetzt verdichten sich auf polnischer Seite die Zeichen, dass ein jahrzehntelanger Traum doch noch Wirklichkeit werden könnte: ein grenzüberschreitendes Schutzgebiet entlang der unteren Oder.
Von der Katastrophe zur Schutzidee – und zurück
Den Anstoß für die aktuellen Bestrebungen gab die Oderkatastrophe von 2022: Hitze, Dürre und Salzeinleitungen aus einem Bergwerk in Oberschlesien lösten ein massives Aufblühen giftiger Algen aus. Geschätzte 200 Millionen Organismen starben in der Oder – die Europäische Kommission bestätigte es als eine der schwersten ökologischen Katastrophen in der Geschichte der EU. In der Folge wuchs in Polen der politische Wille, das Międzyodrze – das Gebiet zwischen den beiden Oderarmen bei Stettin – dauerhaft unter Schutz zu stellen.
Am 26. September 2025 verabschiedete der polnische Sejm ein Gesetz zur Gründung des Nationalparks Doliny Dolnej Odry, das einen über 3.800 Hektar großen einzigartigen Naturraum im Międzyodrze in der Wojewodschaft Westpommern schützen sollte. Am 7. November 2025 legte Präsident Karol Nawrocki jedoch sein Veto ein – mit der Begründung, das Gesetz wecke Bedenken hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung der Region, in der die Oder eine zentrale Rolle spiele.
Plan B: Erweiterung des Drawieński-Nationalparks
Im Februar 2026 informierte das polnische Ministerium für Klima und Umwelt über Pläne, den Drawieński-Nationalpark um Gebiete der Gemeinde Kołbaskowo und der Stadt Stettin zu erweitern. Für diesen Schritt ist kein Gesetz erforderlich – eine Verordnung des Ministerrats genügt, sofern die betroffenen Kommunen zustimmen.
Die kommunalen Abstimmungen verliefen positiv: Stettins Stadtrat stimmte am 24. März 2026 für die Bereitstellung von 56 Hektar Fläche. Am 31. März 2026 folgten die Gemeinderäte von Kołbaskowo mit zehn Stimmen dafür, drei dagegen und einer Enthaltung – und öffneten damit über 1.300 Hektar im nördlichen Międzyodrze für die Erweiterung des Drawieński-Nationalparks. Parallel dazu arbeitet das Ministerium weiter an einem neuen Anlauf für einen eigenständigen Nationalpark im Bereich der Gemeinde Widuchowa im südlichen Międzyodrze.
Der deutsche Blick: 30 Jahre Nationalpark Unteres Odertal
Während auf polnischer Seite um den Naturschutz gerungen wird, feierte der deutsche Nationalpark Unteres Odertal im Oktober 2025 sein 30-jähriges Bestehen. Er ist der einzige Flussauen-Nationalpark Deutschlands – und die Vision eines grenzüberschreitenden Schutzgebietes wird im Jubiläumsjahr Wirklichkeit: mit der geplanten Unterschutzstellung von Teilen des polnischen Międzyodrze. Zum 1. Januar 2026 erfolgte zudem in der Schutzzone Ib auf weiteren 1.300 Hektar die endgültige Nutzungseinstellung – die Flächen werden der eigendynamischen Entwicklung überlassen.
Am 19. Februar 2026 fand das Auftakttreffen für das neue INTERREG VI A Projekt „Natur + Oder: Mehr biologische Vielfalt im Einzigartigen Unteren Odertal“ statt – ein weiteres Zeichen für die wachsende grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Naturschutz entlang der Oder.
Bedeutung für die Oder-Partnerschaft
Die Entwicklungen auf beiden Seiten der Oder zeigen: Der Naturraum entlang des Flusses ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein politisches und gesellschaftliches Thema – mit unmittelbarer Relevanz für die Regionen der Oder-Partnerschaft. Ein grenzüberschreitendes Schutzgebiet, das den deutschen Nationalpark Unteres Odertal mit geschützten polnischen Flächen verbindet, wäre ein konkretes Beispiel dafür, was gemeinsame Verantwortung für eine geteilte Natur bedeuten kann.
🔗 Weitere Informationen: www.nationalpark-unteres-odertal.eu
Foto: © Piotr Piznal Fotografia