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22.10.2015

Lernort Grenzregion: Wie Sachsen und Berlin nachbarsprachige Bildung von Kindern fördern

„Frühe nachbarsprachige Bildung ist in den Kitas des sächsischen Grenzraums noch längst keine Selbstverständlichkeit“, schreibt Dr. Regina Gellrich, Leiterin der Sächsischen Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung Görlitz, im Magazin KiTa aktuell. Mit der Einrichtung der Landesstelle will der Freistaat diese Situation ändern, der sprachliche Austausch zwischen Kindertagesstätten an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze soll gestärkt werden. Auch das im Juli 2015 ausgelaufene Projekt YALE zwischen Posen und Berlin hat sich im Rahmen der Oder-Partnerschaft für die Verbesserung der Qualität frühkindlicher Bildung in der Grenzregion eingesetzt.

Einzelne Initiativen, die die Vermittlung von Nachbarsprachen in der frühen Kindheit fördern, gibt es in der sächsischen Grenzregion seit der Mitte der 1990er Jahre. Vorangetrieben wurden diese von engagierten Eltern und Erziehern, die von Chancen, die Kinder durch einen frühen Zweitspracherwerb geboten werden, überzeugt waren. Tatsächlich hat der Fremdspracherwerb im Kindergartenalter positive Auswirkungen auf die Gesamtentwicklung des Kindes und bereitet den Nachwuchs auf die Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft vor. Die Region der Oder-Partnerschaft bietet hier ein ideales Betätigungsfeld.

Kita-Partnerschaften als Schlüssel zum Erfolg

Vor einem Jahr hat das Sächsische Staatsministerium für Kultus die Sächsische Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung (LaNa) ins Leben gerufen, um vorhandene Strukturen für den Sprachaustausch von Kindergartenkindern nutzbar zu machen. Gemeinsam mit Akteuren aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Verwaltung will die LaNa ein wissenschaftlich fundiertes Konzept für die frühe nachbarsprachige Bildung in den Kitas des grenznahen Raumes in Sachsen erarbeiten und umsetzen. In einem ersten Schritt führte die LaNa im Zeitraum von Oktober 2014 bis Juni 2015 deshalb eine Bestandsaufnahme durch. Diese zeigt: In 31 von 906 befragten sächsischen Kindertagesstätten hat die frühe nachbarsprachige Bildung einen hohen bis sehr hohen Stellenwert. Grundlage dafür sind über viele Jahre gewachsene und gepflegte Kita-Partnerschaften.

Auch das Projekt YALE, Young Children as Active LEarners, das von der Stadt Posen und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft der Stadt Berlin im Rahmen der Oder-Partnerschaft ins Leben gerufen wurde, hat einen solchen Austausch angestoßen. Ziel der Initiative war die Steigerung der Qualität frühkindlicher Bildung. Im Zentrum stand der Austausch von Erfahrungen zwischen Erzieherinnen und Erziehern aus Berlin und Posen, vor allem mit Blick auf die Entwicklung von Lernmethoden, die das Kind als aktiven eigenständig Lernenden wahrnehmen. Während der gegenseitigen Besuche tauschten die teilnehmenden Erzieher auch Konzepte und Strategien in den Feldern Organisation, Planung, Finanzen und Qualitätsentwicklung zwischen Trägerorganisationen und Entscheidungsgremien in beiden Regionen aus.

Blick über die Grenze wagen

Dabei wurde deutlich: Die meisten Erzieherinnen und Erzieher der sieben beteiligten Kindertagesstätten hatten zuvor noch nie eine Kindertageseinrichtung des Nachbarlandes besucht. Auch in Sachsen und der benachbarten Woiwodschaft Niederschlesien ist der grenzübergreifende Austausch in erster Linie abhängig vom persönlichen Engagement einzelner Akteure. Dies zeigt auch der Schlussbericht „Frühe nachbarsprachige Bildung in Kitas der sächsischen Grenzregionen“ der LaNa. Während im November 2014 noch 65 der befragten Kitas in den Grenzlandkreisen Görlitz, Bautzen, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge, Mittelsachsen, Erzgebirgskreis und Vogtlandkreis Nachbarsprachangebote machten oder Partnereinrichtungen in Polen und Tschechien unterhielten, waren es im April 2015 nur noch 58 Einrichtungen.

Grund für diesen Rückgang ist vor allem der Wegfall von Finanzmitteln für zeitlich begrenzte Projekte; in 17 von 38 Fällen wird die Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Nachbarland derzeit über eine gesonderte Projektförderung finanziert. Der LaNa ist auch deshalb am Aufbau von kontinuierlich verfügbaren Angeboten gelegen. Erster Ansatzpunkt ist die Einrichtung des Online-Portals www.nachbarsprachen-sachsen.eu, wo Eltern, Erzieher und Interessierte gebündelt Informationen zur frühen nachbarsprachlichen Bildung finden und teilen können. Während durch die Einrichtung der neuen Landesstelle vor allem auch Politik und Verwaltung in diesen Prozess eingebunden werden sollen, sollen das Portal und die dort vorgestellten Initiativen die öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung dieser Arbeit stärken.

© Sächsische Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung
Denn, das zeigt der Bericht der LaNa, das Image der Nachbarsprachen ist gemeinsam mit der Weiterführung in der Grundschule für die Kitas in Sachsen die wichtigsten Voraussetzungen für die Umsetzung nachbarsprachiger Bildungsangebote in ihren Einrichtungen. Die größte Herausforderung liegt in der Finanzierung nachbarsprachiger Fachkräfte. Dennoch ist Gellrich vom Erfolg des Ansatzes überzeugt: „Die Vielfalt an engagierten Akteuren sowie Beispiele guter Praxis in einzelnen Kitas bilden ein großes Potenzial, um voneinander zu lernen und gemeinsam Wege zu entwickeln, damit künftig die besonderen Bildungschancen des ‚Lernorts Grenzregion‘ nachhaltig genutzt werden.“